70 Meilen abgeschleppt

Der nächste Morgen fängt früh an. Kurz vor fünf klingelt der Wecker. Wir wollen mit dem ersten Licht unter der Brücke durch. Das bedeutet, dass wir noch im Dunkeln den Anker lichten und bei Dämmerung unter der Brücke hindurch fahren.

Aufregend ist es. Wir haben sogar die richtige Beleuchtung gesetzt. Rot, weiß, rot – manövrierbehindert. Als das erste Licht der Sonne über die Häuser auf uns scheint, nehmen wir die Lichter runter und setzen dafür Kugel, Raute, Kugel. Nach einer halben Stunde sind wir an der Ausfahrt der Flussmündung. Jetzt lösen wir die Leinen der Boote und versuchen unser Glück mit unserem Notruder der Selbststeueranlage und dem Bugstrahlruder.

Das hatten wir seit Tagen besprochen und vorbereitet. Wir hoffen, dass uns das Notruder in die Lage versetzt zwar große Kurven zu fahren, aber immerhin manövrierfähig zu sein. Für direktere Ansprache verlassen wir uns auf das Bugstrahlruder. Sollte alles nicht funktionieren sind Dörte und Jens da, die uns schleppen können. Das ist allerdings eine Alternative, die wir gerne vermeiden wollen, da wir schon viele gruselige Geschichten davon gehört und gelesen haben. Herausgerissene Klampen und sonstige Schäden im Material scheinen uns da vorprogrammiert.

Die ersten Meter klappen ganz gut. Alex und ich sind beide super angespannt. Die Strömung steht gegen uns. Es sind viele Fischer draußen zu sehen und wie immer das Minenfeld an Fischerbojen, direkt neben dem Fahrwasser.

Unser Glück dauert nicht lange. Alex kommt schnell an die Grenzen unseren Systems des Notruders. Wir können nur nach Steuerbord lenken, wenn wir hart backbord geben, fahren wir mit Not geradeaus, aber immer noch leicht versetzt. Das Bugstrahlruder funktioniert nur wenn das Boot still steht. Jetzt unter Fahrt verpufft die Wirkung im Wasser. Die Steuerwirkung ist quasi gleich null.

Die halbe Meile an der Mole vorbei, wird die stressigste seit Jahren. Alex versucht sogar mit dem Hauptruder etwas gegen zu steuern. Nach der Mole müssten wir eine leichte Linkskurve fahren, um im Fahrwasser zu bleiben. Das ist uns aber unmöglich. Wir können nur etwas mehr und etwas weniger Gas geben, das Bugstrahlruder ist im Dauereinsatz , um uns von den Bojen fern zu halten. Die Batterie des Bugstrahlruders piept schon verzweifelt bei 9 Volt. Irgendwie schaffen wir es mit viel Schweiß, Stress und einem angestoßenem Zeh durch die Fischerbojen.

Als Alex dann wieder gehetzt im Cockpit auftaucht, sehen wir uns an und stellen fest, dass wir das so niemals bis Portimao aushalten. Keine Chance.

Wir funken Dörte und Jens an und bitten sie, uns zu schleppen. Wir lassen uns also treiben und bereiten die Leinen vor. Jens lässt bei sich an zwei Ruckdämpfern eine 45 Meter Leine raus, plus zwei weitere 20 Meter Leinen. Dann kommt unser Reitgewicht mit 25 kg und eine weitere 20 Meter Leine, bis wir die Leinen über unsere Bugklampen auf die Mittelklampen legen.

Das dauert eine Weile, bis wir die Leinen sortiert haben, aber als wir endlich alles im Wasser haben, fährt Jens langsam vor und die Leine spannt sich. Ich sitze vorne am Bug und schaue auf die Leinen. Alex sitzt im Cockpit und spricht sich per Funk mit Jens ab. Jens muss etwas mehr Drehzahl fahren, als wir. Nach einer Weile haben sie sich eingespielt.

Ich prüfe unsere Leinen, ich kann sie immernoch problemlos von Hand anheben. Dort ist also nicht sonderlich viel Spannung drauf. Das Reitgewicht zieht die Leine unter Wasser und gleicht die Wellenbewegungen aus. Es gibt keinerlei Rucken oder ziehen bei uns.

Es ist als ob zwei Boote unter Maschine hinter einander fahren, wobei die Aurelie unsere Assai nur ab und an die Nase in die richtige Richtung schubst.

Wir sind mega erleichtert. So entspannt hatten wir uns das in unseren besten Träumen nicht vorgestellt. Sonst hätten wir uns direkt schleppen lassen.

Die Wellen sind noch sehr niedrig. Es herrscht kein Wind, so hatten wir uns das erhofft.

Als wir an Culatra vorbei fahren, funken wir Jens an, wie es den beiden so geht. Alles gut, denen ist langweilig. Selten haben wir uns so gefreut über langweilig. Also fahren wir weiter so bis nach Portimao. Gegen Nachmittag brist der Wind etwas auf, die Wellen stellen aber kein Problem dar.

Kurz bevor wir nach 14 Stunden nach Portimao einlaufen, ist es als ob ein Schalter umgelegt wurde. Von jetzt auf gleich fegen uns 23 Knoten Wind von vorne um die Ohren. Das gibt etwas mehr Stress auf die Leinen, aber stellt noch kein Problem dar.

Um nach Portimao einfahren zu können, müssen wir quer zum Wind und somit quer zu den Wellen. Was uns schnell vertreiben kann. Wir haben Inge und Thommy angerufen, die kommen mit dem Beiboot heraus, um uns im Notfall schubsen zu können. Jetzt wollen wir nicht auch noch nähere Bekanntschaft mit der Steinmole machen. Auch soll bitte keiner über die im Wasser befindliche Leine fahren.

Jens fährt eine große Kurve und die Einfahrt funktioniert trotz Seitenwind und Welle ganz hervorragend. Kaum im Vorhafen müssen wir die 100 Meter Leine verkürzen. Alex bremst also beide Boote herunter, dass Jens die Leine nicht in den Propeller bekommt. Ich beginne, die Leinen einzuholen. Alsbald steht Alex da und hilft das 25 kg Gewicht an Bord zu hieven. Hand über Hand holen wir die Leine ein, schmeißen sie einfach an Deck und gucken immer, ob wir abtreiben oder ein anderes Boot zwischen uns durchfahren will. Aber alles geht gut.

Die 45 Meter Leine belegen wir auf unseren Klampen und machen den Anker klar. So fahren wir an „unseren“ Ankerplatz, wo Inge und Tommy einmal drücken müssen, um die Nase herum zu kriegen und dann werfe ich die Leine los und lasse gleichzeitig den Anker fallen. Gott sei Dank greift unser Anker hier immer und wir müssen uns keine Sorgen machen. Wir werfen genug Kette ins Wasser, fahren den Anker ordentlich ein und dann haben wir es geschafft.

Wir sind wieder in Portimao. Ein bisschen, wie nach Hause kommen. Wir waren so froh, vor zwei Wochen endlich Portimao hinter uns lassen zu können und woanders hin zu fahren. Jetzt sind wir mindestens genauso froh, wieder hier zu sein.

Dörte und Jens kommen noch kurz rüber, bringen einen gekühlten Sekt mit und wir sitzen gemeinsam im Cockpit, genießen das allerletzte Licht des Tages und stoßen an, auf die aufregende aber geglückte Aktion.

Dann endlich können wir wieder beruhigt schlafen gehen.

Die Aurelie schleppt uns nach Portimao
Die Leinen im Wasser geben ASSAI den Weg vor

Kategorien:Umbau

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.