Gibraltar bei Nacht und Nebel

Nach zwei Nächten in San José setzen wir an, in einem Rutsch nach Gibraltar zu fahren. Der Wetterbericht verspricht 3 Windstärken die uns schieben sollen. Zwischendurch Flaute. Wir fahren um Acht Uhr los, Sonnenschein und so gut wie kein Lüftchen regt sich. Nun gut, vielleicht kommt der Wind ja einfach später. Ich kann euch schon mal sagen, er kommt nicht. Wir motoren also an der spanischen Küste vorbei, glasklares tiefblaues Wasser. Dafür kommen uns einige Tiere besuchen. Delfine kommen immer wieder vorbei, Schildkröten, die an der Wasseroberfläche schlafen und plötzlich abtauchen, wenn wir nahe an ihnen vorbei fahren; sogar kleine Wale sehen wir. Eine Biene hat sich auch zu uns verirrt. Für den Allergiker Alex kein Besuch, über den er sich freut. Vor allem, weil das Vieh ziemlich renitent ist und oft auf uns landet um dort die Welt zu erkunden. Seit Torrevieja wohnen auch zwei kleine Nachtmotten in unserem Cockpit, die sich hier offenbar wohl fühlen, denn obwohl sie jeden Morgen recht verzweifelt einen Platz zum verstecken bei uns im Cockpit suchen (vorzugsweise an der Sprayhood oder hinter einem Sitzkissen) bleiben sie uns doch erhalten. Wir überlegen uns noch Namen für die beiden. Im Laufe des Tages hören wir über Funk die PanPan Meldung, dass in unserem Gebiet ein oder mehrere Boote treiben mit einer unbekannten Anzahl an Menschen an Bord ohne Antrieb von Marocco mit Ziel der spanischen Küste. Wir halten Ausschau, sehen aber nichts. Ein anderer Segler namens Igloo scheint die gleiche Idee gehabt zu haben wie wir, denn der hält Kurs und Geschwindigkeit wie wir auf Gibraltar zu. Nett, einen Mitfahrer zu haben.

Windlos geht es in die Nacht. Während meiner Wache höre ich über Funk einen anderen Segler, der wohl eins der Flüchtlingsboote gefunden hat. Bald darauf rast ein Boot der Küstenwache mit Vollgas an mir vorbei in die schwarze Nacht.

Als ich am Morgen den Kopf aus der Luke strecke ist es grau in grau. Nebel hat uns gefunden. Wir hoffen, dass die Sonne den Nebel wegbrennt über den Tag. Tut sie nicht. Es bleibt nass überall, grau in grau und eine Sichtweite irgendwo zwischen dem Bug und fünf Meter weiter. Was wünscht man sich denn mehr, wenn man auf Gibraltar zu fährt. Hat ja keinen Verkehr da… Da ist es Mitte Juni, im Mittelmeer und ich sitze da mit langer Unterwäsche, Wollshirt, meinen alten Skisocken, Schuhen, Fleecepulli, normaler Pulli, Schal, Mütze und meinen Schwerwettersachen. Gut, ich weiß, ich bin eine Frostbeule, aber nicht nur ich sitze in langer Unterwäsche da. Und falls da einer glaubt, das wäre nur diesen Tag wegen des Nebels so, weit gefehlt. Es ist jeden Tag kalt genug, dass ich mich höchstens meiner Schwerwetter Kleidung sowie eines Pullis entledige. Mann, was freu ich mich auf den portugiesischen Sommer.

Während Alex unten schläft, wird die See um mich herum sehr kabbelig und ich sehe kleine Schaumkronen. Wind? Kann ich keinen fühlen. Aber innerhalb von fünf Minuten fällt unsere Geschwindigkeit von 5 Knoten auf 3,5. Ich sehe mich um in den Nebelschwaden. Hab ich eine Fischerboje übersehen und im Propeller? Steuern geht noch problemlos. Über das AIS sehe ich, dass die Igloo auch auf einmal nur noch mit 3 Knoten fährt. Tja, dann isses wohl die Strömung. Die steht ziemlich lange gegen uns. Wir hatten überlegt, direkt noch am Abend durch die Straße von Gibraltar zu fahren, aber bei dem Geschwindigkeitsverlust können wir uns das abschminken.

Je näher wir uns dem englischen Felsen bei englischem Wetter nähern, desto mehr Punkte sehen wir auf dem AIS. Ohne das Gerät würden wir uns nicht trauen, hier zu fahren. Es tut gut, zu wissen, dass wir gesehen werden. Denn wirklich sehen tun wir nichts. Aber die Nebelhörner hören wir. Und zwar viele, ziemlich viele, aus allen Richtungen und sehr tiefe Hörner. Das heißt großes Schiff. Über Funk hören wir, wie sich die Boote untereinander absprechen, wer wen wo überholt oder passiert. Auf einmal quäckt auch unser Name aus dem Funk. Ein 300 m langer und 60 m breiter Tanker ist auf Kollisionskurs, wobei er uns ausweichen müsste. Er bittet uns, unsere Geschwindigkeit zu erhöhen. Lustig, wir fahren mit 2000 Umdrehungen und machen gewaltige 2,5 Knoten Fahrt über Grund. Danke Strömung, das hebt die Stimmung. Nun, dann soll die Maschine mal zeigen was sie kann und wir geben Gas. Da fällt dem Dicken ein, sein Nebelhorn zu benutzen. Da wird uns beiden plötzlich anders, denn der klingt nah. Viel zu nah. Sehen tut man gar nichts. Sollte ich ihn sehen, wäre es zu spät, denn die Nebelschwaden geben keine 10 Meter Sicht ums Boot frei. Auf dem AIS passieren wir gefahrlos in einer halben Meile Entfernung. Bei Sonnenuntergang drehen wir ein in die Bucht von Gibraltar, um vor La Linea zu ankern, morgens in Gibraltar zu tanken (der Liter Diesel: £ 0,64). Da macht tanken wieder Spaß. Als wir abbiegen lüftet sich das erste Mal an dem Tag die Nebelwand und wir sehen mehr oder weniger gut die riesigen Tanker die vor Anker liegen. Schnell wird es dunkel, na Klasse. Nicht nur Nebel, jetzt ist es auch dunkel. Da sieht man gleich noch weniger. Alex steuert, hat seinen Blick fest auf das Garmin geheftet, während ich nach vorne gucke und jedes kleine Licht melde, dass ich sehe. So arbeiten wir uns langsam vor an den Ankerplatz. Ein paar andere Boote liegen dort schon und wir schmeißen unseren Anker dazu und liegen sehr bald im Bett.

Der Wecker klingelt schon fünf Stunden später. Wir wollen mit der Tide durch die Straße und vorher noch tanken. Also sind wir um Acht an der Tankstelle, machen alles bis Oberkante Unterlippe voll. Es ist immer noch neblig, aber immerhin nicht mehr dunkel. Um halb neun fahren wir in die Straße ein. Noch weht kein Lüftchen. Das soll sich rasch ändern. Wie in der Straße von Messina wird hier der Wind kanalisiert und wenig Wind gibt es wohl nicht. Da im Mittelmeer sekündlich mehrere Hektoliter Wasser verdunsten ist der Atlantik die einzige Frischwasserzufuhr, sonst würde das Mittelmeer austrocknen. Also drückt permanent der Atlantik mit 1 Knoten ins Mittelmeer und die Tide bitte nicht vergessen. Laut Karte sollen wir uns so küstennah wie möglich halten, um den West-setzenden Strom mit zu kriegen. Das machen wir auch.

Eine halbe Stunde später rasen wir mit 6,5 Knoten in Richtung Westen. Der Wind hat aufgefrischt, die Genua steht gut, aber die Strömung schiebt noch mehr. Das Steuern wird zur Herausforderung. Zumindest hat es aufgeklart, Afrika sehen wir zwar nicht, aber zumindest die spanische Seite sehen wir. Endlich wieder Sonne! Hinter Tarifa müssen wir eindrehen. Dann kommen die Wellen seitlich. Heieiei. Das schwankt plötzlich ganz gewaltig. Zwischenzeitlich sehen wir 7,5 Knoten Geschwindigkeit. Da gucken wir nicht schlecht. Kaum haben wir Landabdeckung wird die Strömung mitsamt Welle besser. Es wird angenehmer, wir fahren weiterhin mit 6,5 Knoten. Es wird alsbald ein ruhiger und vor allem sonniger Tag. Jetzt sind wir wieder im Atlantik. Man kann ja über das Mittelmeer sagen, was man will, aber die Fischer hier markieren – ganz im Gegensatz zu ihren portugiesischen Kollegen – wenigstens ihre Bojen gescheit mit Fähnchen, Licht oder zumindest einem alten Kanister. Meist sind diese weiß, ein paar ganz schlaue wählen aber auch blaue 5-Liter Kanister. Super zu sehen im blauen Wasser…

Wir fahren an der Küste hoch und freuen uns, dass wir die Straße von Gibraltar erfolgreich hinter uns gebracht haben. Gegen Mitternacht erreichen wir Cadiz. Unser Plan war, dort zu ankern und morgens früh aufzubrechen zum letzten Schlag nach Portimao. Allerdings dauert alles etwas länger als geplant und der Ankerplatz ist auch nicht unbedingt ein Traum. Jetzt noch ankern, abbauen, dann vielleicht noch vier Stunden Schlaf und wieder weiter. Was soll der Geiz, wir drehen um und setzen direkt auf Portimao an. Alex fährt also durch die Nacht und als ich bei Sonnenaufgang die Wache übernehme, ist es klar und schön. Leider zieht auch hier bald Nebel auf, aber der Atlantik Nebel ist anders. Der umgibt uns zwar, ist aber nicht so dicht (bessere Sicht) und über uns sehen wir den blauen Himmel, während die Sonne uns den Rücken wärmt. So lässt sich Nebel besser aushalten. Nach ein paar Stunden ist der auch wieder weg. Die Wellen werden langsam länger und damit schwankt das Boot nur noch seicht vor sich hin. Viel angenehmer als diese kurze steile Mittelmeer Welle. Es wird eine unspektakuläre Fahrt an Faro vorbei und bis hin nach Portimao.

2 Meilen vor Gibraltar Felsen. Wie sie sehen, sehen Sie nichts.

Einen Abend später, Sonnenuntergang vor Cadiz

Kategorien:England, Spanien

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