Heidelberg nach Wiesbaden – oder die schwarze Wand auf dem Rhein

Merke: Schlimmer geht immer.
Wir sind bei leichtem Regen um 9 Uhr in Heidelberg losgefahren. Etwas vorsichtig, da wir testen wollten, wie sich die nun fest-betonierten Schrauben im Flansch der Antriebswelle machen. Es lagen noch zwei Schleusen vor uns, dann sollte es ab in den Rhein gehen bis Worms. Dort sollte unsere erste Anlaufstelle im Rhein sein. Soweit der Plan.

Aber es kommt ja immer anders als man denkt. So stieg die Motortemperatur bei der Fahrt und stieg und stieg. Als sie bei 72° ankam waren es schon keine Sorgenfalten mehr in Alex Gesicht, eher Furchen. Eine kurze Leerung des Wasserfilters brachte leider auch nicht die gewünschte Besserung. In den zwei Schleusen, die wir Gott sei Dank alleine schleusen konnten, machten wir den Motor jeweils aus, um ihm eine kurze Pause zu gönnen. Endlich nach ca. 2 Stunden pendelte sich die Temperatur bei den gewohnten 59° ein. Mögliche Ideen für das Problem waren entweder der Thermostat, der Impeller (welcher aber erst vor der Abfahrt gewechselt wurde) oder eventuell die Lichtmaschine, die in den zwei Stunden die Batterien mit 56 Ampere geladen hat und dadurch den Motor eventuell zu sehr belastet hat, nachdem wir uns anderthalb Tage aus den Batterien versorgt hatten.

Dann war es soweit. Der Rhein! Bei sonnigem Wetter und kaum Verkehr sind wir um 14.20 Uhr in den Rhein eingefahren. Mann, waren wir nervös. Zuerst ging alles glatt. Die Strömung erhöhte unsere Geschwindigkeit langsam auf 7 kn. Als wir nach weiteren 2 Stunden bei Worms ankamen, schien uns die Einfahrt in die Marina zu klein und die Marina selbst auch. Obwohl wir die Schlechtwetter-Front vor uns sahen, entschieden wir, weiter zu fahren. Kurz danach frischte der Wind auf und dann erwischte uns das Gewitter. Innerhalb einer Minute regnete es in Strömen, der Wind peitschte uns den Regen ins Gesicht. Wind mit 5 Bft, 7 in Böen und gegenan stehende Welle von einem Meter Höhe verwandelten den Rhein sofort in etwas das eher dem Mittelmeer bei Sturm glich. Schnell wurden die Doradelüfter vom Wind wegggedreht und innerhalb von Minuten waren wir beide bis auf die Haut durchnässt. Wir mussten uns anschreien, um gegen den plötzlichen Sturm etwas verstehen zu können! Das Boot hüpfte und tanzte. Alles klepperte und schwankte. Aber zumindest der Motor tat weiter seinen Dienst. Puh! Nicht auszudenken, wenn der in diesem Moment aufgegeben hätte! Wir kramten sogar unser Ölzeug aus dem letzten Eck. Nie hätte ich gedacht, es schon auf dem Rhein zu brauchen.
Plötzlich sprang Alex auf: „Scheiße!“ schon lief er nach vorne an den Bug und ich erkannte das Problem. Die Halterung vom Mast, der oben auf unserem Boot liegt, saß sehr windschief. Der Mast selbst hatte sich um ein paar Grad gedreht. Und bei den nächsten Wellen fing er an, sich um einen Meter nach vorne und hinten zu verschieben. Ich sah, wie die Halterung in der Bootsmitte kurz in die Luft sprang. Wir waren dabei, den Mast zu verlieren!!! Panik erfasste uns. Wir versuchten den Mast in jeder Welle von Hand so gut wie möglich zu stabilisieren, aber lange würden wir das nicht durchhalten. Zu viel Kraft wirkte auf den 300 kg schweren Mast. Ich versuchte, die Wellen so anzusteuern, dass wir so wenig Bewegung wie möglich abbekamen. Schier unmöglich. Ein Frachter kam uns entgegen, ein anderer überholte uns gerade, während ich einen wilden Zick-zack Kurs fuhr um die Wellen seitlich zu nehmen.
Das Unwetter war weiter gezogen, aber die Nachwehen in Form von Wellen und sintflutartigem Regen waren noch da. Alex schnappte sich in den kurzen Wellenpausen alle verfügbaren Taue und zerrte den Mast an Steuerbord und Backbord an der Reling fest. Das brachte Entlastung. Trotzdem hielten wir den Mast bei allen Wellen noch von Hand mit fest. Anlegen hätten wir bei dem Wind und der Welle sowie so nirgends können, selbst wenn irgendwo eine Marina gewesen wäre.  Langsam erst drei Stunden später wurde das Wetter etwas besser. Inzwischen war es sechs Uhr abends und keiner von uns hatte bislang etwas gegessen, nur den Kaffee am Morgen getrunken und auf Klo war auch noch keiner, weil jede Hand an Deck gebraucht wurde. Das machte sich nun stark bemerkbar.
Wir hatten uns entschieden, bis zum Schiersteiner Hafen weiter zu fahren, der eigentlich unser Ziel für den nächsten Tag war. Um halb neun Abends kamen wir endlich völlig erledigt an.
Wir wurden auch hier überaus freundlich aufgenommen. Die sanitären Einrichtungen sind sehr gepflegt und sauber. Nach dem Anmelden, hatten wir nur noch die Kraft uns eine Suppe zu kochen und sind erschöpft ins Bett gefallen.

Heute liegen wir also noch im Schiersteiner Hafen und müssen die Halterung vom Mast reparieren und verstärken. Morgen soll es weiter gehen und da liegt die Loreley vor uns. Bevor der Mast nicht zementiert auf dem Schiff liegt, will keiner von uns beiden weiter fahren. Schon lange nicht durch die Loreley!
Derweil machen die Schrauben, die Alex ersetzt hat, einen guten Eindruck. Zur moralischen Unterstützung kommen unsere Freunde Fritz und Bow uns besuchen und werden mit uns reparieren und die Etappe morgen gemeinsam mit uns fahren. Nach dem Tag gestern, der wirklich erschöpfend war, nehmen wir jede Hilfe mehr als dankend an.

Es war mit Sicherheit ein nervlich aufreibender Tag und wir sind -mal wieder- an einer halben Katastrophe vorbei geschrabbt, aber bei all dem Mist der uns passiert, kriegen wir es doch gemeinsam hin. Das gibt uns beiden ein gutes Gefühl. Es scheint, als würden wir getestet. Aber immer nur so weit, wie wir auch gerade noch damit fertig werden können. Ein kleiner Schutzengel scheint also doch mit auf unserem Weg zu sein 🙂

Kategorien:Deutschland

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