Jakobsweg – Santiago de Compostela

Mann, die Nacht war kurz. Alex konnte aus unbekannten Gründen kaum schlafen und wälzte sich hin und her. Stand auf, ging umher, trank was, ging auf Toilette. Eine unruhige Nacht für ihn bedeutet automatisch eine unruhige Nacht für mich. Da wir heute die längste Etappe mit etwas mehr als 25 km vor uns liegt, die gegen Ende nach Santiago nochmals eine schöne Steigung beinhaltet, haben wir beschlossen, den Wecker eine Stunde früher als sonst zu stellen. Weils so schön ist, soll heute der wärmste Tag der Woche werden mit lauschigen 30° im Schatten.

Also stehen wir wenig frisch heute morgen um sechs auf und stehen um sieben Uhr vor unserem Hostel. Ohne Kaffee geht ja nun mal gar nichts, so machen wir zuerst auf die Suche nach Kaffee. Schnell haben wir zwei Straßen weiter ein Café gefunden, dass schon geöffnet hat. Wir gehen rein und: Prinz Charming mitsamt den zwei blonden Engelchen sitzen auch da. Schnell kommem wir kurz ins Gespräch. Sie kommen auch aus Deutschland, er aus den USA.

Die ersten zehen Kilometer beschließen wir durchzulaufen, um später nicht die Mittagshitze abzukriegen. Die laufen sich auch ganz gut. Als wir zu unserem Pausenpunkt kommen, sitzen dort schon Prinz Charming mitsamt Engelchen. Wir setzen uns dazu und stellen immer mehr fest, dass allesamt super nett sind. Es ist inzwischen halb zehn und ja, es verspricht ein erschreckend warmer Tag zu werden. So halten wir die Pause kurz und pilgern weiter. Diese Etappe zieht sich leider sehr häufig an der Hauptstraße entlang und führt uns so gut wie nur über geteerte Wege. Das geht auf die Beine, da wir mit Wanderschuhen unterwegs sind. Die sind dafür nicht gemacht. So langsam aber sicher merke ich auch die Schultern wieder. Nach 14 km kommt uns eine Oma mit Rollator entgegen und ich ziehe in Erwägung, ihr das gute Stück zu entreißen und meinen Rucksack darauf bis nach Santiago zu schieben. Das gute Gewissen siegt, so dass ich den Rucksack doch auf dem Rücken behalte.
Um zwölf haben wir nur noch 7,5 bis zum großen Ziel vor uns. Es ist schon glühend heiß. Ich brauche eine Pause. Wir kommen an eine Bar und treffen die drei wieder. Überhaupt sieht man an jeder Pausenstation so gut wie nur die gleichen Leute. Prinz Charming nennt mir endlich seinen Namen. Er heißt Michael. Er kennt offenbar so gut wie jeden auf dem Camino. Er fragt uns, ob wir Jesus schon gesehen hätten. Ich gucke ihn fragend an, denn so gläubig bin ich dann doch nicht, dass ich Heiligenerscheinungen hätte. Er sagt weiter: „Jesus ist mit seiner Familie da. Die kommen aus Californien.“ Aha. Alles klar.
Er redet von einer Familie, die auch auf dem Camino unterwegs ist, deren Sohn dank Hippiebart und Frisur ernsthaft an Jesus erinnert. Kaum hat er das gesagt, erscheinet die Familie auf dem Weg und macht auch ziemlich verschwitzt Pause.

Die letzten 7 Kilometer ziehen sich ehrlich gesagt wie Kaugummi. Ich habe das Gefühl, zu zerfließen. Aus jeder Pore kommt Schweiß. Die Sonne brezelt unbarmherzig vom Himmel. Eine Anzeige verrät mir, dass wir bei 32° im Schatten durch die Gegend laufen. Wahnsinn. Neben mir läuft ein Mädchen in langen schwarzen Hosen mit den Wollsocken über die Hose gezogen. Ich frage mich, wie sie das aushält. An ihrer Stelle wäre ich schon verdampft.

Es heisst, Santiago bereitet jedem den Empfang, den er verdient. Völlig fertig mit der Welt biegen wir um 14 Uhr auf die Plaza vor der Kathedrale. Diese ist zur Hälfte verhüllt wegen Renovierungsarbeiten und auch sonst springen eben viele Touristen herum, die Fotos machen. Dann sehen wir Charming und die Engelchen im Schatten liegen. Sie begrüßen uns mit großem Hallo und Klatschen. So wurden wir in Santiago von Freunden empfangen. Schön!

Nach ausgiebiger Pause vor der Kathedrale, machen wir uns auf und gehen hinein. Das bedeutet das offizielle Ende unserer Pilgerschaft und der Erlass der Sünden. Wir holen uns unsere Compostela, müssen etwa 15 min mit anderen genauso verschwitzten Pilgern warten. Ein super Geruch im Warteraum hat sich breit gemacht…
Gemeinsam gehen wir noch ein oder zwei Bier trinken und verstehen uns dabei so gut, dass wir Michael mit seiner Mutter spontan zu uns aufs Boot einladen. Die haben gerade eh nichts anderes zu tun. Morgen wollen sie nach Finisterre und freuen sich offenbar riesig. Wir auch.

Im Bus nach Portosin bemitleide ich unsere Sitznachbarn, denn wir riechen wirklich streng. Aber so ist das eben. Nach einem guten Abendessen fallen wir nun völlig erschöpft ins Bett.

Wir sind in fünf Tagen 100 Kilometer zu Fuß gegangen. Wir sind sehr stolz auf uns und die Leistung, die wir vollbracht haben. Ob wir Gott gefunden haben? Ich für meinen Teil auch nicht mehr oder weniger als vorher. Aber es tat gut, der Erde wieder so nah zu sein. Mich selbst hab ich vielleicht ein bisschen mehr gefunden. Kennen gelernt. Das laufen hat, so anstrgend es auch war, Spaß gemacht. Gerne möchte ich einmal mehr laufen. Ob auf dem Jakobsweg oder einem anderen langen Weg, das weiss ich noch nicht. Ich würde es definitiv wieder tun.

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Kategorien:Portugal

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