Stellendam nach Dunkerque

Nichts. Absolut kein Lüftchen. Mitten auf der Nordsee und Flaute. Dabei hatte der Wetterbericht durchaus 2 Windstärken vorher gesagt. Wo auch immer der Wind war, wir waren nicht da.
Gestern sind wir mittags aus Stellendam aufgebrochen und durch die große Schleuse der Haringvliet gefahren. Das Tor ging auf und entließ uns in die große Weite. Aber dann saßen wir da und anstatt das wir segeln konnten, mussten wir motoren. Das ist nicht nur wesentlich lauter, sondern auch unangenehmer, da die Welle ihren Weg zu uns – im Gegensatz zum Wind – gefunden hat. Die Wellen waren zeitweise bis zu 1 Meter hoch, aber langgezogen. Da sie uns seitlich trafen, schwankten wir zeitweise doch arg hin und her. Wir nahmen Peter (unseren automatischen Pinnenpiloten) in Betrieb. Der tat sehr zuverlässig, wenn auch recht lautstark seinen Dienst.

Kein Wind, aber Sonne. Logische Konsequenz: Badepause. Das erste Mal Salzwasser! Gesagt, getan und schwupps, Alex und Linus standen grinsend, aber etwas unsicher an Deck, da die Nordsee nicht gerade Mittelmeertemperatur aufweist. Sie sind aber mutig und tatsächlich ins Wasser gesprungen. Wieder aufgetaucht und direkt wieder aus dem Wasser geklettert. War doch frisch. Ich habe hingegen mit Freude das Boot bewacht und irgendwer muss ja auch die Fotos machen 😉

Langsam wurde es später und dämmerte. Da der Plan hieß, ca. 85 sm zu machen und bis Dunkerque zu kommen, motorten wir weiter in die Nacht hinein. Wachen wurden im 2-Std Rhytmus eingeteilt. Nach dem leckeren Auflauf, den die Jungs gekocht haben, war die Einteilung: Alex von 23 bis 1 Uhr, Linus von 1 bis 3 Uhr und ich von 3 bis 5 Uhr. Ich ging also ins Bett, um zu schlafen. Noch sehr ungewohnt, ehrlich gesagt, bei laufendem Motor, Krach vom Pinnenpiloten sowie Wellen, die einen im Bett schaukeln zu schlafen. Richtiger Schlaf war das auch ehrlich gesagt nicht. Zu aufgeregt war ich, auch wenn ich müde war. Ein Ohr hörte doch immer auf das Boot und bei jeder größeren Welle war ich wieder wach. Als wir gegen 2 Uhr morgens die Oosterschelde passierten (ein sehr frequentiertes Fahrwasser) wurde ich oft wach, da uns die Wellen von passierenden Tankern seitlich trafen und uns von der einen auf die andere Seite warfen. Desto mehr Welle, desto mehr Quietschen vom Pinnenpiloten, der das Boot auf Kurs halten wollte.
Die Jungs haben sich am Abend verquatscht und so wurde die Wache schlicht verschoben. Um sechs Uhr morgens bei schwachem Nieselwetter krabbelte ich aus der Koje, ohne das Gefühl, geschlafen zu haben. Wir waren dabei, ins Fahrwasser Richtung Dunkerque einzufahren. Im übrigen sind wir uns immer noch nicht einig, wie dieser Ortsname nun korrekt ausgesprochen wird. Die Varianten „Donker-kju“, „Dun-kerke“ oder „Dü-kerke“ sind im Rennen, klingen tut alles davon falsch. Daher sind wir dazu übergegangen, die deutsche Übersetzung ‚Dünnkichen‘ zu nutzen, dies ist wesentlich einfacher und für alle verständlich.
Um halb zehn morgens nach insgesamt 20 Stunden waren wir im Hafen angekommen, leider hatte es in dem von uns angestrebten Hafen keinen Platz mehr für Gastlieger und derjenige, der sich über Funk gemeldet hat (erst nach mehrmaligen Aufrufen) schien wenig kompetent und bat uns, dass wir uns in einer halben Stunde nochmals melden mögen. Dumm, wir waren ja schon mitten im Hafen und mit dem Boot kann man leider nicht da stehen bleiben  und warten. Gegenüber sahen wir aber noch einen Hafen, in dem wir mit der Hilfe von Segelschülern am Steg, anlegen konnten. Hier ging nach einem kurzen Durchatmen nun die Diskussion los, wie der weitere Schlachtplan aussieht. Die Wettervorhersagen bleiben bei Westwind (blöd, da direkt von vorne) sagen aber für den 16.6 ein mögliches Wetterfenster für die Biskaya voraus. Das hieße, die nächsten Tage bei eher mauen Verhältnissen durch die Straße von Dover (und das Verkehrstrennungsgebiet, die meist befahrene Wasserstraße der Welt) bei Wind und Welle gegenan. Alle drei sind wir müde und möchten duschen, schlafen und essen, aber zuerst waren wir motiviert, heute nacht die Leinen loszuwerfen und die nächsten drei Tage weiter zu fahren, wohl wissend, dass wir bei den Verhältnissen weiter würden unter Motor fahren müssen und kaum segeln könnten. Das verheisst viel Anstrengung. Bevor ich mich schlafen legen wollte, half ich einem kleinen Segler beim Anlegen und nahm die Leinen entgegen. Der kam praktsicher Weise gerade aus Dover und hatte den lokalen Wetterbericht von heute morgen noch im Kopf. 6 Windstärken aus West für morgen und übermorgen. Er sei heute morgen um 5 losgefahren und hatte viel Verkehr bei Nebel während er das Verkehrstrennungsgebiet gequert hat. Nichts, was wir brauchen können. Die Info hat uns etwas geschockt, da wir glauben, was dieser Wetterbericht sagt. Ein 6-er Wind ist uns allerdings zu viel. Dazu wahrscheinlich noch Regen und eventuell Nebel und bei viel Wind gibt es auch immer viel Welle. Immernoch aus der falschen Richtung für uns. Das macht doch mehr Bauchweh, als wir haben wollen und so werden wir wohl auch erstmal morgen hier liegen bleiben und das Wetter abwarten. Wind scheint es langsam zu geben draußen, Regen aber auch und den in Mengen. Wir möchten wirklich gerne weiter, um auch endlich anzukommen, aber wir müssen es nicht erzwingen. „Always trust the locals“ heisst es. Vor allem, was das Wetter angeht. Wir empfangen besagten Wetterbericht hier leider nicht, da er über UKW ausgestrahlt wird und wir noch zu weit weg sind. Also werden wir dem Bauchgefühl folgen und auf Nummer sicher gehen. Wir wollen weiter, aber wir müssen uns nicht quälen.

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Streckenplanung

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In der Haringvliet Schleuse. Sie öffnet uns den Weg zur Nordsee

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Badepause bei Flaute

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Es dämmert in die Nacht hinein

Kategorien:Frankreich

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