Sturmtief Jürgen und seine Wellen

Als Alex morgens bei strahlendem Sonnenschein und schon fast sommerlichen Temperaturen vom joggen wieder kommt trifft er einen unserer englischen Nachbarn, der ihn vor starken Schwell am Nachmittag warnt. Da scheint ein großer Sturm über den Azoren zu hängen und seine Ausläufer zu uns zu schicken. Auf meinem Weg zur Dusche ein wenig später treffe ich unseren französischen Nachbarn, der mich auch sofort vor den vorhergesagten Wellenbergen warnt. Okay, jetzt sind es schon zwei. Und als ich mich auf dem Steg umblicke, sehe ich emsiges Treiben. Alle prüfen ihre Leinen, legen noch eine zweite hier und da. Oha. Da scheint tatsächlich was auf uns zuzukommen. Das Internet sagt uns, dass Sturmtief Jürgen gerade über den Azoren wütet und seine Wellen am Nachmittag auf die Küste treffen sollen. Wellenhöhen von bis zu 8 oder 10 m an der Westküste Portugals und bis zu 6 m hier an der Algarve. Wir reihen uns also in das Treiben am Steg ein und verdoppeln unsere Leinen, hängen mehr Fender auf und warten dann der Dinge die da kommen sollen. 

Am Nachmittag passiert nichts dramatisches. In der Nacht regnet es in Schauern sehr stark, begleitet von heftigen Böen. Am Donnerstag dann soll das schlimmste auf die Küste treffen. Am Mittag fängt es auch tatsächlich an, ein wenig zu schaukeln in der Marina, aber kaum merklich. Nach unserem Mittagessen klopfen die Schweizer von der VAREIRA an unseren Rumpf. Sie sind mit dem Auto heute aus Setubal gekommen. Dort und in den anderen Plätzen, an denen wir im letzten Jahr waren wurden die Häfen schlicht geschlossen. Keiner kommt mehr rein noch raus. Die Küstenwache patroulliert und warnt nachdrücklich vor „Poseidons Furie“. Windgeschwindigkeiten bis zu 130 km/h fegen über das Land und die Menschen sind angehalten, nicht rauszugehen. Alte Ruinen werden geräumt. Alex und ich gucken uns an: davon ist hier (noch) nichts angekommen. Wir versprechen uns Schutz vor der Wellenmacht durch das vorgelagerte Kap Sao Vincente und der geschützten Lage Portimaos. Am Nachmittag war die größte Wellenhöhe angekündigt. Wenn das so bleibt, haben wir Glück. Kurz vor Sonnenuntergang merken wir dann, dass unser Boot doch ein wenig mehr zu schaukeln beginnt. Ich gehe an den Strand, um die Wellen zu bewundern. Aber keine Wellenberge empfangen mich. Klar, Wellen sind da und die Surfer freuen sich. Aber die Wellenhöhe beträgt zwischen 1,5 und 2 m. Wir gehen also entspannt ins Bett und lesen noch. Gegen 23 Uhr hat das Geschaukel doch merklich zugenommen. Wir gehen nochmal zum Wellenbrecher vor. Die Wellen rollen im Dunkeln mit großer Gewalt und viel Getöse an den Strand. Ich will mutig sein und gehe vor, um vielleicht ein gutes Foto der brechenden Wellen zu machen. Ungefähr auf der Hälfte des Wellenbrechers kommen mir plötzlich drei riesen Wellen entgegen. Ich drehe mich sofort um und nehme meine Beine in die Hand. Vom Wellenbrecher gespült, mitten in der Nacht muss nicht sein. Ich drehe mich um, ich hätte Glück gehabt. Der Wellenbrecher wurde gut gebaut. Ich habe trotzdem genug und gehe wieder Heim zum Boot. Wir gehen nun schlafen, aber wir wachen alle Naselang wieder auf, da natürlich genau jetzt die Wellen ihren Weg in die Bucht finden. Erst knartzen die Leinen, dann beginnt eine leichte Drehung des Bootes, gefolgt von einem kleinen Rucken der Leinen, die das Boot halten – Boot neigt sich zur Seite, knaufeln der Fender folgt als das Boot wieder zum Steg zurück gezogen wird. Das ist die Reihenfolge der Geräusche und Bewegungen die sich durch die ganze Nacht ziehen. Mal mehr, mal weniger. Zwischendurch scheint 10 min Ruhe zu sein, dann kommen meist zwei stärkere Bewegungen. Viel Schlaf bekommen wir so nicht. Nun, wir haben ja keine Termine heute. Morgens um kurz vor sechs geb ich auf und gucke draußen nach Leinen und Fendern. Als ich wieder ins Bett krabbele glaube ich nicht, nochmal einschlafen zu können, aber es geht. Laut Wetterbericht soll das jetzt der Status Quo für die nächsten 48 Stunden bleiben. Toll, aber wir wollen uns nicht beschweren. Die Westküste hat es tatsächlich viel schwerer getroffen als uns hier und das bisschen Geschaukel können wir gut ertragen, in dem Wissen, dass es nicht allzu weit entfernt viel schlimmer zugeht. 

Die Wellenvorhersage. Gelb ist böse, blau ist gut

Das sind noch keine 5 m Wellen

Aber die Surfer freuen sich

Auf dem Wellenbrecher

Kategorien:Portugal

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