Welcome to Spain – Querung der Biskaya

„Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre ich nicht losgefahren“, lässt Alex verlauten und Linus nickt zustimmend. Dabei sind wir noch nicht mal 12 Stunden unterwegs. Wir sind morgens aus Falmouth (UK) losgefahren mit dem 450 sm weit entfernten Ziel: La Coruña – Spanien. Wir haben fünf Tage auf dem Wasser eingeplant, bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 4 kn.

Bei unserem Start in Falmouth konnten wir direkt Segel setzen und sind gut und zügig mit 6 Knoten an Land’s End vorbeigesaust. Schnell wurden aber die Wellen höher und der Wind nahm auf 6 bis 7 Beaufort zu. Die Wellen warfen uns hin und her und allesamt saßen wir im Cockpit während unsere Faith mit bis zu 8 Knoten durch die Wellen gerast ist. An ausruhen oder schlafen war so für niemanden auch nur zu denken. Die Vorstellung, so die nächsten fünf Tage zu verbringen rief nicht gerade Entzücken hervor. Der Wetterbericht (alle, die wir dauernd geprüft haben) haben nichts von derartigen Winden oder den Wellen erzählt. Dies ließ uns natürlich auch an der weiteren Vorhersage für die nächsten Tage zweifeln.
Gegen Abend ging ich einfach aus Erschöpfung ins Bett. Es schaukelte und wackelte, so dass ich kaum ruhig liegen konnte. Schlafen ist anders. Umdrehen oder ablaufen war keine Option.
Am nächsten Tag ließen die Wellen etwas nach. Der Wind nahm auf 5 Bft ab und wir sausten immernoch mit 5.5 Knoten durch das Wasser. Zwischendurch hatten wir alle mit mehr oder weniger schwerer Seekrankheit zu kämpfen, aber nach mehr als 24 Stunden auf dem Wasser gewöhnt sich der Körper auch an das übelste Geschaukel.

Irgendwann streckte die pure Erschöpfung jeden nieder, so dass man in einen komatösen Schlaf fiel. In der zweiten Nacht saß ich mit Linus draußen bei der Wache und wir hatten einen Tanker im Blick, der auf unserer Kurslinie war. Theoretisch müsste der Tanker ausweichen, da wir unter Segel fuhren, aber im AIS Bericht stand: „Vessel not under Command“ und bewegte sich auch nur mit 1.3 Knoten. Nichts für einen Tanker dieser Größe. Plötzlich erfasste uns eine starke Böe. Das Boot schoss in den Wind, wir warfen alle Schoten lose und machten uns sofort daran, die Genua auf Handtuchgröße zu reffen. Dabei verloren wir in der Dunkelheit ziemlich die Orientierung. Als wir wieder aufblickten stand der Tanker direkt vor uns und hielt auf uns zu. Nun hatten wir so viel gerefft, dass wir zu langsam waren um auszuweichen. Schnell haben wir gehupt, unsere Segel angeleuchtet und den Tanker über VHF angerufen. Dieser meldete sich sofort, sagte aber er könne nicht ausweichen, da er keine Maschine laufen habe. Also mussten wir ausweichen. Die schnellste Lösung war, den Motor anzuwerfen um aus der Gefahrenzone zu kommen. Das ging schnell und problemlos.
Da hatten wir eine ganz schöne Schrecksekunde. Ohne die Böe, wären wir dem Tanker problemlos ausgewichen, aber so kam plötzlich viel auf einmal. Denn es kommt ja immer anders als man denkt. Was lernen wir daraus? Viel früher ausweichen.

Nach fast 39 Stunden Fahrtzeit konnten wir das Schelf überqueren. Nun kamen wir in richtig tiefes Wasser. Über 2000 m Wasser unter unserem Kiel. Da aber: Delfine! Eine ganze Schule begleitete uns und spielte mit dem Bug, sie schwammen rechts und links an uns vorbei und überholten uns immer wieder. Eine wahre Freude diesen Tieren zuzusehen.

Nach und nach kamen wir alle an, im Leben Bord. Jedes Mal nach ein paar Stunden Schlaf galt der Blick dem Plotter und der noch verbliebenen Wegstrecke. Der Plotter berechnete die Zeit, die wir noch brauchen sollten bis zum Ziel. Die folgenden Stunden brachten kaum Abwechslung. Wo es ging, haben wir geschlafen, versucht uns zu bewegen (bislang lagen oder saßen wir) oder wir haben überlegt, was wir essen sollten. Gut, dass Linus so viel vorgekocht hat. Aber nach 2 Tagen hat man irgendwann doch Lust auf was anderes zu essen. Die Wellen und der Wind nahmen langsam ab, so dass wir 24 Stunden vor La Coruña den Motor anwerfen mussten. Am letzten Tag vor der Ankunft, als wir das Schelf wieder überquerten trafen wir wieder auf Delfine, die uns eine lange Weile begleiteten. Jedes Mal erfreut es einen im Herzen, wenn Delfine auftauchen. Endlich wurden auch die Temperaturen erträglicher (nicht mehr so gefühlt arktisch) und bei Flaute lässt es sich einfach gut baden. Also habe ich mich diesmal auch in den Bikini geworfen und alle sind wir in den Atlantik gesprungen. Gar nicht annähernd so kalt, wie ich dachte, ehrlich gesagt.
Um ein Uhr nachts sind wir dann nach 3,5 Tagen auf dem Wasser in La Coruña angekommen. Wesentlich schneller als gedacht. Insgesamt haben wir seit Falmouth 450 sm zurück gelegt. Das bedeutet eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 5.1 kn sowie ein durchschnittliches Etmal von 129 sm. Ziemlich gut für die alte Dame.
Jetzt sind wir erstmal froh, wieder Land unter den Füßen zu haben und müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass Linus uns langsam verlassen wird, da er am 7.7 auf Elba sein muss. Wir überlegen, die nächste Strecke bis Portosin zu fahren um von dort einen Abstecher in Landesinnere nach Santiago de Compostela zu machen. Gut, wir sind den Weg nicht gewandert, aber eine Art Wallfahrt war es bislang ja schon.

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Der Blick auf den Plotter. Noch 60 Stunden bis La Coruña

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Nichts als Meer

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Besseres Wetter

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Land in Sicht

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Delfine

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Delfine

Kategorien:Biskaya, Spanien

  1. Spannend … Ich verfolge euch hier weiter. Geniest die Zeit 🙂

  2. …genießt 😉

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