Zwingenberg nach Heidelberg – oder Glück im Unglück

Scheinbar hat sich Gott (oder wer immer da oben rumhängt) gedacht, es wäre witzig jeden Tag eine Steigerung für uns einzubauen.

Heute morgen haben wir noch ‚gschwind‘ den Ölwechsel am Motor durchgeführt. Danach lief der Motor durchaus ruhiger. Gut.

Insgesamt sind wir heute 41 km gefahren und haben 5 Schleusen passiert. Alle fünf davon mussten bzw. durfen wir mit dem Frachter MINERVA zusammen schleusen. Da die Beufsschifffahrt immer Vorfahrt hat, war dies ein Gefallen der Schiffsführerin Claudia. Mit dem Frachter zusammen war es schon eher eng für uns in der Schleuse. Gut, dass ich die letzten zwei Tage üben konnte passgenau in Schleusen einzufahren. Mein Puls lag trotzdem bei jedem Einfahren deutlich im dreistelligen Bereich. Einfahren ging gut. Der Schleusenvorgang selbst auch. Aber da wir jedes Mal quasi im Heck der MINERVA lagen und diese vor uns aus der Schleuse ausfahren musste, war das Ausfahren weniger spaßig. Das Tor ging auf, die MINERVA hat den Gang eingelegt und durch den Rückstoß des Wassers hatten wir alle Hände voll zu tun, dass wir unser Schiff an der Schleusenwand und weg von der hinteren Wand der Schleuse halten konnten. Dies ging nur, in dem ich vorne die Leine hielt und Alex am Steuer jeweils kurz den Gang eingelegt hat um uns einen Vorschub zu geben. Sonst wären wir gnadenlos an die hintere Wand gedonnert.

Hinter der dritten Schleuse fiel uns auf, dass bei gleichbeibender Drehzahl nicht die Geschwindigkeit der letzten Tage erreicht wurde. Da wir uns dies nur mit dem eventuell entgegen stehenden Kielwasser des vor uns fahrenden Frachters erklären konnten, haben wir uns zwar gewundert aber nicht unbedingt viel bei gedacht. In der letzten Schleuse, Heidelberg (einer Schleuse, die gefühlt noch kürzer war als alle anderen zuvor und wir der MINERVA schon fast die Hand geben konnten) war es bei der Ausfahrt soweit. Die MINERVA gab Gas, wir konnten von Hand nicht mehr gegen halten und Alex sprang nach hinten, kuppelte ein, aber wir trieben nur weiter mittig in die Schleuse. Die Achterleine fiel ins Wasser. Ziemlich doof, da diese sich im Wasser um den Propeller wickeln und somit das ganze Schiff manövrierunfähig machen kann. Aber durch den entstehenden Strudel des ausfahrenden Frachters ging gar nichts mehr und es legte uns fast quer in die Schleuse. Noch viel doofer, da wir nun nicht vor und zurück konnten UND auf den gelegten Mast aufpassen mussten. Ich sprang nach vorne, drückte uns von der Schleusenwand ab. Ich war nicht schnell genug und der vorne angebrachte Anker schrabbte an der Schleusenwand vorbei. Gar nicht gut. Alex hinten schrie und fauchte, ich konnte aber kaum verstehen, was er sagte. Wir tauschten schnell die Plätze. Er ging an den Bug, um uns kurz wegzudrehen, ich sollte den Gang einlegen und kurz vorwärtsschub geben. Gesagt, getan. Aber es passierte nichts. Gar nichts. Alex kam fauchend wieder nach hinten gesprungen. Und fand den Fehler: kein Vorwärts Schub! Motor lief, drehte hoch, aber keine Kraft am Propeller!!! PROBLEM.

Alex fing in der Schleuse an, die Bodenplatten heraus zu reißen, um das Problem zu lösen. Derweil trieben wir wieder Bug voraus auf die Schleusenwand. Klasse Sache, wenn manövrierunfähig mittig quer in der Schleuse liegt. Die MINERVA reagierte dankbarer Weise sofort und nahm die Fahrt aus dem Schiff um in Schleichfahrt aus der Schleuse zu fahren, um uns das Leben nicht noch schwerer zu machen. Vielen Dank nochmal an dieser Stelle. Ich konnte uns irgendwie an einem Poller in der Schleuse festmachen und dem Schleusenwärter Bescheid geben, dass wir ein Problem haben. Dieser kam kurz vorbei, fragte ob wir Hilfe bräuchten und beruhigte uns, es wäre eh gerade recht ruhig. Auf der Suche nach dem passenden Werkzeug für Alex riss ich das Werkzeug aus den Schapps und verteilte es quer durchs Schiff. Eile war angesagt.
Der Fehler war schnell gefunden. Die sechs Schrauben, die das Ausgangsgetriebe des Wendegetriebe und die Propellerwelle verbinden, hatten sich einfach ALLE herausgearbeitet. Sie lagen alle mitsamt Muttern auf dem Boden.  Keine Schrauben – kein Schub.

Da wir nur noch zwei Kilometer bis zu unserem angepeilten Hafen hatten, fixierte Alex unter schwitzen, fluchen und stöhnen drei der sechs Schrauben. So konnten wir zumindest die letzten zwei Kilometer zurück legen und an dem Steg des WYC Heilbronn festmachen.

Dort wurden wir herzlichst empfangen. Dies war uns nur Recht. Beide waren wir fix und alle. Schnell sind wir unter die Dusche und haben das Boot kurz Boot sein lassen. Wir sind in die Heidelberger Altstadt, haben uns ein Eis und Bier gegönnt und werden nun erledigt ins Bett fallen. Morgen bleiben wir in Heidelberg, ersetzen die ollen Schrauben und wenn das Wetter mitspielt, sehen wir uns noch mehr von der schönen Stadt an.

Abschließend sind wir aber froh, dass der Ausfall des Antriebs zu eben diesem Zeitpunkt kam. Es sicher nicht toll, quer in der Schleuse zu liegen und nicht zu wissen, wie nun vor oder zurück, aber dort konnten wir uns schnell festmachen und mussten keine Angst haben, über ein Wehr oder auf ein anderes Schiff zu treiben. In diesem Sinne hatten wir wirklich Glück im Unglück.

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Heidelberg bei Sonnenuntergang.

Kategorien:Deutschland

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